Jan 20 2011


Auswertungspapier von NJNP zum Konzert „Gemeinsam gegen Polizeigewalt“

Abgelegt 01:30 unter Allgemein

Das Konzert gegen Polizeigewalt am 18. September 2010 in Berlin-Neukölln hat auch über Berlin hinaus viel Aufmerksamkeit in der linken Szene erregt. Es gab schon im Vorfeld viel Interesse und auch viel Kritik. Ein Kritikpunkt war die mangelnde Transparenz der diversen Entscheidungen, die uns dazu bewogen haben das Konzert so zu gestalten, wie wir es letztendlich durchgeführt haben. Um unsere Entscheidungen im Nachhinein nachvollziehbar zu machen, aber auch um unsere Erfahrungen zu teilen, veröffentlichen wir dieses Auswertungspapier.

Die Ausgangssituation

In der Neujahrsnacht 2009 wurde Dennis J. vom Polizeikommissar Reinhard Rother erschossen. Die Pressearbeit des Polizeiapparates sorgte sofort dafür, dass die Notwehrlüge in den großen Zeitungen übernommen und Dennis als gefährlicher Intensivtäter stigmatisiert wurde. Öffentlicher Kritik an tötlicher Polizeigewalt im Allgemeinen und dem Einsatz im Konkreten sollte damit von vorn herein der Wind aus den Segeln genommen werden.

Doch FreundInnen und die Familie von Dennis zweifelten an der offiziellen Version und setzten sich zur Wehr. Zu seiner Beerdigung am 17.01.2009 kamen mehr als 300 Menschen. Und nach der Trauerfeier zogen viele von ihnen zum Sitz des Polizeipräsidenten. So bekamen die Zweifel eine Stimme, die nach Gerechtigkeit verlangte. Von nun an wurden immer wieder Demonstrationen durchgeführt, in deren Rahmen sich linke AktivistInnen, FreundInnen und Verwandte langsam kennen lernten. Es entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die auch für die Pressearbeit fruchtbar war und schließlich mussten sich der Todesschütze und seine Kollegen vor Gericht verantworten. Zwar wurden die Polizisten letztlich zu sehr milden Strafen auf Bewährung, bzw. Geldstrafen verurteilt, doch ging dies nun nicht mehr ohne eine kritische Öffentlichkeit von statten.

Die Kampagne

Die Zusammenarbeit zwischen FreundInnen und der Familie von Dennis und linken AktivistInnen war nicht nur durch gemeinsame Demonstrationen und Pressearbeit gekennzeichnet. Auch Plakataktionen, ein kleines Konzert im August 2009, gemeinsame Vor- und Nachbereitungen, sowie Besuche der Prozesstage und das Durchführen von Infoveranstaltungen in verschiedenen Städten gehörten dazu. Vor allen Dingen wurde sich jedoch regelmäßig getroffen und diskutiert. Dabei ging es nicht ausschließlich um den Mord an Dennis und die alltägliche Polizeigewalt. Vielmehr lernten wir uns so gut kennen, dass auch Freundschaften entstanden. Die Diskussionen eröffneten allen Beteiligten neue Blickwinkel. Wir für unseren Teil haben viel daraus mitgenommen und gelernt und denken, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht.

Mit allen Aktionen sprachen wir in erster Linie den engeren Freundeskreis von Dennis, sowie einige Menschen aus der linken Szene an. Uns fiel jedoch auf, dass gerade junge Menschen aus dem Kiez, die Dennis zum Teil kennen müssten, oft selbst Probleme mit der Polizei haben und sich viel direkter mit dem Fall identifizieren könnten, selten, oder kaum zu den TeilnehmerInnen gehörten. Diese Menschen wollten wir aber mit unserer Kampagne mobilisieren. Allerdings schienen Plakate, Infoveranstaltungen und Demos dafür nicht die richtigen Mittel zu sein. Also entschieden wir uns dafür ein weiteres Konzert zu organisieren.

Das Konzept

Es ging uns nicht nur darum jugendliche NeuköllnerInnen über den Mord an Dennis aufzuklären, oder ihnen zu erklären, wie PolizistInnen gegenüber Menschen mit vermutetem Migrationshintergrund auftreten, oder gegenüber Jenen, die nicht nur während des Studiums unter prekären Umständen leben müssen. Hass auf die Polizei gibt es in Neukölln mit Sicherheit genug. Unser Ziel war linke Inhalte zu vermitteln, die über einen diffusen Bullenhass hinaus gehen.

Dass in einer von Männern dominierten Welt und gerade bei einem Rap-Konzert die Gefahr besteht, dass auch sexistische, oder homophobe Inhalte reproduziert werden, war uns von Anfang an völlig klar. Doch weder war es uns egal, noch wollten wir den allgegenwärtigen Sexismus klein reden. Deshalb haben wir schon in der Vorbereitung versucht darauf hinzuwirken, dass diese Art von Inhalten auf unserem Konzert keine Bühne bekommen. So wurde sich auch bewusst gegen die Auftritte einiger bekannter Künstler entschieden, die unbedingt bei dem Konzert mitmachen wollten.

Auf der anderen Seite war es uns auch wichtig nicht-linke KünstlerInnen auftreten lassen, denn wir versprachen uns davon eben jene Jugendlichen zu mobilisieren, die wir mit allen anderen Aktionen nicht mobilisieren konnten. Für die Vermittlung der Inhalte sollten ergänzend dazu Redebeiträge zwischen den Auftritten, Infostände, aber auch eine Hand voll linker KünstlerInnen sorgen. Bei den anderen Künstlern hingegen wurden Themen wie Homophobie und Sexismus schon in der Vorbereitungsphase thematisiert. Gemeinsam mit der Familie von Dennis wurde dabei klar Stellung bezogen. Und so funktionierten auch beim Konzert alle diesbezüglichen Absprachen sehr gut.

Das Konzert

Über den Tag verteilt kamen bis zu 1.000 ZuschauerInnen, um die Redebeiträge und die Musik zu hören. Etwa die Hälfte dürften jugendliche NeuköllnerInnen mit sogenanntem Migrationshintergrund gewesen sein. Viele von ihnen fragten immer wieder nach Massiv, hörten aber auch interessiert den Redebeiträgen und linken Künstlern zu. Aus gegebenem Anlass drehten sich die Redebeiträge nicht nur um das Thema rassistische Polizeigewalt, sondern auch um die Sarrazin- und Integrationsdebatte, sowie um Staatsgewalt im allgemeinen. Obwohl wir uns der begrenzten Wirkungsmächtigkeit einmaliger Aktionen bewusst sind, wollen wir festhalten, dass wir mit dem Konzert hunderte junger Menschen mit linken Inhalten erreicht haben, die sich von Aktivitäten der linken Szene in der Regel nicht mobilisieren lassen.

Wir betrachten es außerdem als einen Erfolg, dass der Tod eines Menschen durch Polizeischüsse in der linken Szene nicht mehr achselzuckend hingenommen wurde, obwohl Dennis selbst kein linker Aktivist und auch nicht etwa aus einer rassistischen Motivation heraus ermordet wurde. Wir freuen uns, dass die öffentliche Stigmatisierung von Dennis als »Kleinkrimineller« oder »Intensivtäter« den Mord nur noch für die Wenigsten nachvollziehbarer macht. Und wir hoffen zu einer Sensibilisierung beigetragen zu haben, die dazu führt, dass auf Polizeigewalt in Zukunft auch dann reagiert wird, wenn sich die Szene mit den Opfern nicht identifizieren kann.

Ausblicke

In beiden Zielgruppen glauben wir die faktische Gleichgültigkeit bezüglich tödlicher Polizeigewalt etwas aufgebrochen zu haben. Wir hoffen dem Gefühl der hilflosen Betroffenheit einige Handlungsoptionen entgegen gesetzt und gezeigt zu haben, dass Widerspruch, Protest und auf lange Sicht auch Widerstand möglich sind.

Die Zusammenarbeit mit Menschen, die anders als wir sozialisiert sind, ist unter den von uns vorgefundenen Umständen eine interessante, von spannenden Diskussionen begleitete Erfahrung, die wir nicht mehr missen möchten. Und wir hoffen sie in Zukunft auf die eine oder andere Weise mit euch zu teilen. Denn wir sind davon überzeugt, dass eine Bündnispolitik, die auf die »politisch korrekten« Menschen beschränkt bleibt und damit ein unsympathisches Bild vom »perfekten« Menschen bedient, keine realistische linke Perspektive darstellen kann.

Dennis Familienangehörige haben einen grossen Schritt gemacht, als sie anfingen sich mit linken UnterstützerInnen auszutauschen und auseinanderzusetzen. Für sie gibt es ein davor und ein danach, aber keine mögliche Rückkehr zu ihrem ursprünglichen Leben. Gemeinsam werden wir in Zukunft weitere Schritte auf einander zu machen und uns dabei weiter nach vorn bewegen – gegen Polizeigewalt und die Verhältnisse die sie legitimiert und braucht.

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